Erzählungen

Blick auf “Futuro”


Reportage aus dem Studium Kulturpublizistik,  Oktober 2023 – Januar 2024


In Elm hockt ein Streit. Das Skigebiet oberhalb des Glarner Dorfs will eine grössere Beschneiungsanlage bauen, um den Tourismus der nächsten Jahre zu sichern. Doch die Naturschutzverbände verhindern dies bis heute. Porträt eines Tals in der Sackgasse.



Es ist Oktober und dreiundzwanzig Grad. Ich stehe am Busbahnhof Schwanden, ein kleiner Bahnhof, gerade im Umbau. Heute bin ich mit Stefan Elmer zum Gespräch verabredet, dem Direktor der Sportbahnen Elm. Meine Anreise hat mich entlang dem Zürichsee geführt, wo die Zuggleise das Ufer verlassen, um kurz vor dem Walensee ins Sernftal abzubiegen. Hier in Schwanden mündet der Sernf in die Linth. Stehend, auf den Bus wartend schaue einem Traktor mit Heuanhänger zu, wie dieser auf der angrenzenden Hauptstrasse vorbeirauscht. Die goldenen Ballen geben im Fahrtwind kleine Stücke Heu ab, die wie Flocken in der aufgewirbelten Umgebungsluft blinken. Ich denke an Neuschnee. Der Bus kommt, und steige ein, um in ihm an die zweite Endstation dieses Tages zu fahren.

«Willkommen in der Tektonikarena Sardona: UNESCO Welterbe» grüsst ein Schild und Berg und Tal schmiegen sich immer enger aneinander, die Häuser unter der Hauptstrasse immer tiefer versteckt. In Engi komme ich an der WESETA Weberei Sernftal, der Glarner Feingebäck AG, einem Schild «Brennholz und Spähne» und einer Schweisserei vorbei. Die Häuser streuen sich im Tal. Erst in Matt reihen sie sich wieder an die Hauptstrasse. Als hier der Bus vorbeifährt, heben die Leute die Köpfe. Zehn Minuten später stehe ich im prallen Sonnenlicht vor den «Bergbahnen Elm», einem unscheinbaren, länglichen Gebäude mit tief hängendem Dach aus braunen Glattziegeln. Wir – das Gebäude und ich – befinden uns in einem Kessel; sein Rand eine Kette aus Gross Kärpf, Hausstock, Glarner Vorab, Segnes und Surenstock. An seinen Wänden färbt der Herbst zögerlich die Zitterpappeln gelb, und im schattigen Nordhang ruht eine dünne Schicht Schnee im Schiefer. Am Gebäude der Talstation steht: «Grosse Auswahl an Wanderschuhen» und «Kaffee: Hier erhältlich».

Stefan Elmer ist Gesicht des hintersten Unternehmens im Sernftal, weiter hinten kommt nur noch der Militärschiessplatz Wichlen. In seinen Gesten schwingt ein ruhiger Stolz auf das Tal. Er holt aus: Das Problem mit dem Schnee stehe seit einer Weile fest – es hat zu wenig davon. Denn zum Beschneien braucht es kalte und trockene Luft. Dafür misst man die sogenannte Feuchtkugeltemperatur, die ausgehend von der Temperatur der Umgebungsluft umso höher ausfällt, je feuchter diese ist. Laut dem Sportbahnbetreiber Elmer sei das Beschneien erst ab einer Feuchtkugeltemperatur unter -3 °Celsius wirtschaftlich. Und die aktuelle Anlage in Elm reiche nicht mehr aus, um in den wenigen kalt-trockenen Tagen zu Beginn der Saison das ganze Gebiet zu beschneien.
Ich hake nach, warum es so wichtig ist, alle Pisten so früh zu beschneien. Eine einfache Frage, wie sich herausstellt: Das Weihnachtsgeschäft – also zwei Wochen im Jahr – machen rund einen Viertel des Jahresumsatzes der Sportbahnen aus. Können Pisten zu dieser Zeit nicht garantiert werden, falle der entscheidendste Teil der Kundschaft weg. Das habe Folgen für das ganze Tal: Um die Bergbahnen Elm ordnen sich das Hotel Elmer, die Après-Ski-Bar Gitzihimmel, das Hotel Bergführer, das Gasthaus Segnes, das Hotel Sonne und eine Vielzahl an Gruppenunterkünften im Tal und bei der Mittelstation. Bis vielleicht auf die Fabrik von Elmer Citro ist das gesamte Gewerbe – und mit ihm die Glarner*innen, die darin arbeiten – existentiell abhängig von Image und Auslastung der Sportbahnen Elm.



Am Winter festhalten


Vor fünf Jahren hat die Glarner Landsgemeinde deshalb beschlossen, «touristische Kerninfrastrukturen» finanziell zu fördern. Laut Bericht gilt eine Infrastruktur als fördernswert, wenn sie: «wesentlich für die touristische Attraktivität» der Region ist und deren «Ausfall wirtschaftliche Konsequenzen für die übrigen Akteure der Region» hätte. In Aussicht auf eine öffentliche Finanzierung ihres Projektes schmieden die Sportbahnen Elm seither an einem Konzept für den Ausbau der Beschneiungsanlage. Für Skipisten, Winterwanderwege und eine Schlittelstrecke. Dafür bräuchte der Betrieb eine Anlage, die das idealerweise in siebzig bis hundert Stunden schafft. Die aktuell 23 Schneeerzeuger würden durch knapp 100 Exemplare ergänzt. Das bedeutet: Mehr Wasser in kürzerer Zeit. Aktuell kommt dieses vom lokalen Kraftwerk Elm.
Würde die Anlage erweitert, müsste ein Grossteil der momentan aufs Jahr verteilten 133‘760 Kubikmeter Wasser in knapp sechs Einschneitagen erhältlich sein. Das entspricht etwa zwei Drittel des Zürcher Prime Towers.

Bei einer so grossen Wassermenge machte es Sinn, erst mal bergwärts zu schauen und nicht ins Tal. Würde Wasser oberhalb des Gebiets gespeichert werden, könnte es im Herbst jeweils mit kleinem Energieaufwand in ins tiefer gelegene Skigebiet gepumpt werden. In der ersten Version des Erweiterungsplans planten die Sportbahnen deshalb, einen kleinen See ob Elm als Speicher zu nutzen. «Der Chüebodensee wäre für die Beschneiung eigentlich ideal», so Stefan Elmer.
Zur Umsetzung kam es aber nicht: Die Naturschutzverbände Pro Natura, WWF und BirdLife schalteten sich ein und erklärten den Bergsee so beharrlich als «unantastbar», dass die Sportbahnen aus dem Vorhaben ausstiegen. Im September 2023 reichten sie unter Stefan Elmer ihren überarbeiteten Gegenvorschlag für eine grössere Beschneiungsanlage beim Kanton ein. Er trägt den Namen «futuro».

Dass der Chüebodensee nicht genutzt werden könne und nun Wasser aus dem Talfluss bezogen werden müsse, sei ärgerlich. Es seien auch noch andere Standorte für einen Stausee geprüft worden, meint Elmer, aber an allen anderen Orten wäre entweder die Lawinengefahr zu hoch oder die Landschaft zu geschützt. Das Skigebiet ist nämlich umgeben von einer Wildschutzzone: Dem «Freiberg Kärpf». 2023 feierte dieser sein vierhundertfünfundsiebzigstes Jubiläum.

Wieder draussen blinzle ich wieder Richtung Nordhang. Die feine Schneeschicht ist noch da. Auf dem Kiesplatz zwischen Kassen und der Skischule sammelt sich die Tageskundschaft. Eine Gruppe Teenager rasselt auf tiefgelegten Dreirädern den Wanderweg runter; sie kreischen, sammeln sich. Über uns grummelt die Gondelbahn. Im Hang unter ihr liegen die Geissen im immer noch weichen Gras, weiter oben weiden Kühe mit warm klingenden Glocken in der Sonne. Einige tragen noch längeres, ganz verwuscheltes griffiges Fell, wie es Jungtiere tun. Ein Plakat prangt über den Vorplatz: «Auch im Sommer paradiesisch schön».

Auch wenn der Sommertourismus in verschiedenen Bergregionen Jahr für Jahr wächst, ist dessen wirtschaftliche Relevanz gegenüber dem Wintertourismus immer noch verschwindend klein. Ganze Täler, Gemeinden und Kantone sind abhängig davon, dass im Winter auf den Pisten ihrer Skigebiete Schnee liegt. Das macht die Beschneiung nicht nur Thema für voralpine Skigebiete – wer darf und kann, baut seine Kapazitäten aus: Téléverbier, Betreiberin des grössten Skigebiets der Schweiz, hat 2021 ihre Anlage so ausgeweitet, dass seine 412 Pistenkilometer nun vollständig gleichzeitig beschneit werden können. Das Skigebiet Zermatt bezieht sein Wasser zur Beschneiung aus fünf Stauseen, einem Stollen und einem zusätzlichen Elektrizitätswerk. Tatsächlich macht die Pistenpräparation und mit ihr die Beschneiung einen immer grösseren Anteil an den Gesamtkosten für Skigebiete.



Das letzte Wort



«Sowas muss man aber im Verhältnis sehen», mahnt Hansueli Rhyner. Der gebürtige Elmer ist seit mehr als zwanzig Jahren Experte für Pistenpräparation am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos. Laut ihm fallen in der Schweiz aktuell nur ein Viertel des Pro-Kopf-CO2-Ausstosses im Skigebiet selbst an. «Schweizer:innen fahren halt mit dem Personenwagen ins Gebiet», meint er. Deshalb mache es nicht zwingend Sinn, alle voralpinen Gebiete zu schliessen, sobald diese mehr beschneien müssten. Dann würden die Leute aus Zürich bald alle ins Bündnerland oder gleich nach Italien oder Österreich fahren.

Das sei nicht Grund genug, meint Barbara Fierz. Sie ist Geschäftsleiterin von Pro Natura Glarus und hat Einsprachen gegen alle bisherigen Versionen der Anlagenerweiterung mitgeschrieben. Pro Natura setzt sich für den Erhalt von Lebensräumen und den Schutz von Pflanzen und Tieren ein. Im Gebiet der Sportbahnen habe es diverse kleine Moore, welche zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen der Schweiz zählen. Im letzten Jahrhundert sind 90 Prozent der Moore in der Schweiz vom Menschen trockengelegt worden. Leitungen für die Beschneiung der Pisten beeinträchtigen diese Moore, so Fierz. Als der Chüebodensee für ein Beschneiungskonzept in Betracht gezogen wurde, sprach sich Pro Natura aus zwei Gründen dagegen aus: Erstens speise der Chüebodensee ein darunter liegendes Moorgebiet. Zweitens liegt der See jenseits der Intensivsportzone im Jagdbanngebiet Kärpf. Dementsprechend sei die Nutzung des Gebiets um den Chüebodensee ein No-Go gewesen. Dass die Sportbahnen nun eine energieaufwändigere Variante der Beschneiungsanlage planen, liegt nicht in ihrer Verantwortung. Pro Natura Glarus repräsentiere die Biodiversität. Am Telefon erklärt Fierz mir, welche lokalen Tierarten vor Ort gefährdet seien: Steinböcke und Gämsen würden durch die Skifahrenden gestört, dabei verkürze jede einzelne Flucht im Winter deren Lebensdauer. Überdies kämen sie durch den Lärm und das Licht der Pistenmaschinen auch in der Nacht nicht mehr zur Ruhe. An wichtigem Lebensraum verlieren Schneehühner, Birkhühner und Steinhühner, deren Schutz übrigens auch Priorität des Bundes sei.

Bei den Leuten in Elm hat die Aussicht auf die Nutzung des Bergsees etwas aufgerührt: Bangen um das Skigebiet oder Bangen um die Natur, in der es liegt. Dabei dürften weder die Sportbahnen noch die Naturschutzverbände über die Nutzung des Sees ob Elm entscheiden. Glarus ist nämlich der letzte Kanton, der seine Wasserrechte noch nicht rechtskräftig revidiert hat. Und nach altem, sogenannt “ehelichem” Wasserrecht gehört alles Wasser auf einem Grundstück der Person, der der Boden darunter gehört.

In diesem Fall ist das die Alp Chüeboden. Und diese gehört gar niemandem aus Elm, sondern Niklaus Zahner. Er ist Weinbauer, ein ausgezeichneter sogar: Dieses Jahr hat sein Rebgut es auf die Gault-Millau-Liste der besten hundertfünfzig Schweizer Winzer geschafft. Er wohnt in Truttikon im Zürcher Oberland, und hat die Alp von seinen Eltern geerbt. Wie also kam es, dass ein Zürcher Oberländer Winzer das letzte Wort über einen Glarner Bergsee hat? Und was sieht er für seinen Teil der Glarner Berglandschaft vor?



Zwei Idealist:innen



Es war 1963, und «am Rio de la Plata war es topfeben». Niklaus Zahner erinnert sich: Seine Eltern hatten in Kuba und Argentinien gewohnt, wohin der Lebensmittelkonzern Nestlé den Vater versetzt hatte. Als die Familie in die Schweiz zurückkehrte, absolvierte der Vater eine Managementausbildung und kaufte einen brach liegenden Rebberg in Truttikon. «Näher an den Alpen lag diese Berggeschichte auch wieder in der Luft», beschreibt Niklaus Zahner. Seine Eltern, gebürtige Stadt-St.Galler, trieb also damals «eine Art Idealismus» zurück in den Gebirgsraum, hatten sie sich ja auch beim Bergsteigen kennengelernt. Beide waren aktive Mitglieder im Schweizer Alpen Club (SAC).

Frisch zurück in der Schweiz widmeten sich Niklaus’ Eltern der Suche nach einer Alp, die sie übernehmen könnten. Das sei zu einer Zeit gewesen – den sechziger und siebziger Jahren –, in der Alpen massenhaft vergandet seien. «Heute sieht man das vor allem im Tessin», betont Zahner. «Diesen Sommer hat mir ein Bauer erklärt, dass in seinem Tal von den rund tausend Kühen gerade mal vierzig übrig sind.» So kam es, dass die Familie Zahner die Alp Chüeboden ob Elm kaufte, auf ihr zwei Hütten baute und begann, Schafe zu sömmern. In den Wintern der siebziger Jahre standen die Schafe auf dem Land der ehemaligen Maggi-Fabrik, nachdem diese aufgehört hatte, ihr eigenes Suppengemüse zu produzieren. Daneben lief der Wein gut. Immer besser sogar.



“Ein anderes Klima”



Als Niklaus Zahner Nachfolger des Weingeschäfts wurde, profitierte er von immer wärmeren Jahren. Spätestens ab den 1990ern sei es merklich wärmer geworden. «’92 war ein schöner Sommer; ’97, ’98, 2000, 2002...», der Weinbauer Zahner denkt in Jahrgängen. «2003 war ein anderes Klima. Unsere Trauben erreichten 100 Grad Oechsle, ein unglaublicher Zuckergehalt.» Da hätten sie gefunden, der Klimawandel sei ja noch gut für sie.

Die gleichen Jahre brachten schneeärmere Winter, so dass die Talabfahrt Elm erste Male geschlossen blieb. Mit jeder Skisaison stieg die Unsicherheit darüber, was der Winter bringen würde, und die Sportbahnen Elm bauten ihre Beschneiungsanlage etappenweise aus.

In dieser Zeit zeichnete der Leiter der lokalen Elektrizitätswerke, Sämi Hefti, einen neuen Plan. «Elmer Hydro» hiess sein Konzept, und es sah vor, die technische Beschneiung des Elmer Skigebietes und die Stromproduktion für das Dorf gemeinsam auszubauen. Den Chüebodensee oberhalb von Elm als Wasserspeicher zu nutzen, war seine Idee. Dafür würde der See «sanft aufgestaut», wie Hefti das beschreibt. Das wäre effizienter als ein Anschluss aus dem Tal – mit der neuen Anlage hätte man im Winter die Pisten beschneit und im Sommer Strom produziert. Heftis Idee wurde sogar ausgezeichnet: 2009 beklatschte die damalige Bundesrätin Doris Leuthard seinen Sieg des «Swiss Mountain Water Award», der ihm für «Elmer Hydro» überreicht wurde.

Dass «Elmer Hydro» nicht umgesetzt wird, findet Sämi Hefti bedauerlich, eine verpasste Chance. Er glaubt weiterhin daran, dass seine erste Version die beste für Elm gewesen wäre. Die Website zum Projekt unterhält er immer noch. Denn es sei ihm ein Anliegen, Synergien zu schaffen, egal wo. Vielseitig engagiert ist der Mann: Als zu Heftis fünfzigstem Arbeitsjubiläum bei den Elektrizitätswerken Elm das Regionalblatt «Südostschweiz» schrieb, dass ihm unter anderem die ehemalige Miss Schweiz Christa Rigozzi gratulierte, war er daneben schon ein halbes Leben lang Präsident der «Meliorationsgenossenschaft». Insgesamt 45 Kilometer Strassen habe die Genossenschaft «in sehr steilem Gelände» gebaut und damit über 60 entlegene Wohnhäuser erschlossen. Heute nutze diese auch der Tourismus. Hefti betont: Er sei «kein Grüner», aber der Landschaft müsse man Sorge tragen.



Die Orchideen im Nebental



Mit angepackt am Ausbau der Waldstrassen hat ein Weiterer, der das Tal gut kennt. An einem verhangenen Nachmittag im Frühnovember folge ich dem mal schlendernden, mal schreitenden Schritt von Heinz Brühwiler. Wir machen eine Runde, um uns einen Jungwald anzuschauen, den er seinerzeit gepflanzt hat. Bis vor fünf Jahren war er Revierförster hier. Unterwegs drehen wir die Köpfe. «Auf der anderen Seite beginnt auch ein heikles Gebiet», sagt Brühwiler, «eine wunderschöne Moorlandschaft.» Unsere Nasen zeigen auf die Alp Gamperdun. Sensationell sei das, im Moor gäbe es immer noch acht verschiedene Orchideenarten. Das müsse man sich mal vorstellen!
Erst seit dreissig Jahren gibt es eine Waldstrasse in das Gebiet. «Natürlich haben wir da erst eine Umweltverträglichkeitsprüfung gemacht», aber die Leute müssen das sehen. Damit die Orchideen jedoch auch in den Böschungen bleiben, müsse man viel dort sein, schauen und die Leute sensibilisieren.
Revierförster zu sein, bedeute auch, viel mit den Leuten zu reden, so Brühwiler. Alle haben eine Meinung zur Landschaft, am meisten dort, wo sie zuhause seien. So auch bei diesem Jungwald, gemischt aus vielen verschiedenen Arten. Am Rand seines Walds gucken wir mit in die Hüfte gestützten Händen auf die jungen, bunt gemischten Bäume. «Angelegt haben wir den im 2008. Er ist gut gewachsen, sehr gut sogar», meint Brühwiler. Dafür müsse der Boden stimmen – und man müsse die Baumarten richtig auswählen. Ich lerne: Weisstannen müssen mit einem Zaun geschützt werden, damit das Wild sie nicht abkaut. Die Lärchen sind hier anfällig, weil das Sernftal ein Nassschneegebiet ist. Ihre Äste halten dem Gewicht des Schnees nicht stand. Fichten habe er eigentlich nur reingepflanzt, weil die Leute das so erwartet hätten. Denn vorher waren im ganzen Hang hier nur Fichten. «Zur Beschwichtigung also?», frage ich. Er lacht: «Da sage ich jetzt nichts mehr.» Vor der Umwandlung in einen Mischwald habe er zwei Begehungen des Gebiets gemacht. Siebzig Anwohner:innen sind zum Landstück herausgewandert, um sich diese Operation an der Landschaft genau anzuschauen.

Misstrauisch seien die Leute schon gewesen, aber man habe miteinander reden können, so Brühwiler. Und heute spreche das Ergebnis für sich. Wir gehen einem sich schlängelnden Weg entlang durch den farbigen Wald. Bäume, Sträucher, Beeren und Laub mischen Petrolgrün, ein sonniges Gelb, braun, grau. Geht der Weg abwärts, verlangsamt sich unser Tempo. Unsere Füsse knirschen im Kies und tappen über glatte Steine. Wir haben eingepackte Ohren, denn der Föhn zieht.



Die Zukunft auf tausendvierhundert Metern



«Elm ist natürlich ein privilegiertes Wandergebiet», meint der Winzer Niklaus Zahner, «alle zwanzig Meter ein Bach, aus dem du trinken kannst.» Er musste sich diese Sache gut überlegen mit dem See. Heute kommt er zum Schluss: «Einige wenige Jahrzehnte Ski fahren sind es nicht wert, den Chüebodensee anzubohren.» Das gäbe Wunden und Narben ins Wiesland, meint Zahner, in dieser Höhe vergehen eher Jahrzehnte als Jahre bis sowas verheilt sei. Das sähe man an Stellen, an denen Rutschungen oder Lawinen heruntergegangen sind. „Ich habe mir auch andere Seen angeschaut, wo das gemacht wurde“, fügt Zahner an, „den Caumasee bei Flims und den Lago di Tremorgio in der Leventina.“ Was ein Aufstauen für Auswirkungen für die Alp hätte, könne man schlicht nicht wissen. Das Wasser könnte durch die veränderten Druckverhältnisse andere, tiefer liegende Abflussmöglichkeiten finden. Könnte sich der Seespiegel sich nicht mehr erholen, würde das die Wasserversorgung der Alp gefährden und je nach dem verunmöglichen, diese mit Tieren zu bewirtschaften. Heute liegt der See sanft eingebettet in einer hügeligen Umgebung aus Grün. An seiner hinteren Seite lehnt eine felsige Steinwand, wo man immer wieder Steinböcke, Murmeltiere und Gämsen beobachten kann. Zwischen den grossen Felsbrocken wachsen Silberdisteln. Zahner und ich sitzen uns gegenüber, als er mir erst Fotos des Sees auf dem Handy zeigt und dann selber darauf guckt. Er schweigt, konsultiert eine Karte. «Ah! Dreihundert mal hundert Meter ist er gross.»

Nicht nur zum Chüebodensee ist eine definitive Entscheidung gefallen. Seit meinem ersten Besuch in Elm hat der Bund beschlossen: Der Teil der Wildschutzzone Freiberg Kärpf, der mit dem Sportgebiet Elm überlappt hat, ist umgezont worden. Die dadurch verlorene Wildschutzfläche wird mit einer weiter vorne im Chrauchtal bei Matt angefügten Fläche kompensiert. Was das für Auswirkungen auf die Tierbestände hat, weiss man nicht wirklich.

Der Förster Heinz Brühwiler merkt an: «Für den Tourismus ist das administrativ sicher angenehmer, dass das Skigebiet jetzt nicht mehr in der Wildschutzzone ist.» Vielleicht könne man dafür aber bald für Schneeschuhtouren nicht mehr versprechen, eine Gämse oder ein Birkhuhn zu Gesicht zu bekommen.
Im Eingang seines Hauses ist neben Kinderzeichnungen eine runde Holzplatte mit einer grossen Sechzig an die Wand gelehnt. Brühwiler zuckt die Schultern. Die nächsten Jahre bleiben ungewiss. Obschon noch Anfang Dezember 2023 eine Rekordmenge Schnee in Elm gefallen ist, lehrt uns die Erfahrung der letzten Jahre, dass das noch keine Saison garantiert. Das benachbarte Skigebiet Braunwald setzt schon stärker auf Angebote ohne Schnee. Brühwiler grübelt. Im Winter denken auch seine Kinder und Grosskinder an nichts anderes als Skifahren, was mache man hier auch sonst? Im Dorf weiter vorne steht das «Gasthaus Elmer» zum Verkauf. Brühwiler meint, in Matt sammle gerade jemand Geld, um eine kleine Boulderhalle zu eröffnen. Als junger Mann habe auch er mal weggewollt. Aber: «Wenn man gerne in der Natur ist, dann ist das hier ein gutes Zuhause.»

Gedicht aus Verzweiflung, 2020





das Ende sei das Ziel oder umgekehrt

lauf, um ihm zu entkommen, denn

das Leben liegt im Umweg

Auf der längeren Strecke

wo das Kies etwas mehr knirscht, geh

geh schlendernd oder eilend

mit Blumen zu den Füssen und

Sternen über der Stirn

Zögern am goldenen Strand


Publiziert in “INTRO” Issue 2 “Narrate”, 2023 super friendly society


Am Nachmittag vor meiner Abreise stand ich in der Bucht «Les Sables d’Or», zwölf Minuten von Biarritz entfernt. Das Ufer ist ein bisschen geschützt durch eine Steinmole, und im näheren Break tummelte sich der lokale Surfclub; alles Zehn- bis Vierzehnjährige in pinken Lycras. Um sie scharte sich ein ungewöhnlich mächtiger Pulk aus Körpern und Brettern, und sie badeten sich aufgeregt in der späten Augustsonne. Dass sich an diesem einen Tag so viele Menschen in diesem Becken wiederfanden, hatte zwei konkrete Gründe: Erstens war es Swell-technisch der letzte gute Tag der Woche, zweitens hatte eine akute Abfallverschmutzung die Behörden veranlasst, alle Strände südlich entlang der Küste zu sperren.
Mir wurde mulmig. Das Wasser war bei weitem nicht so klar wie am Vortag. Es stellte sich unruhig auf, brach mal früher, mal später und abwechslungsweise auf etwa drei Höhen in der Bucht. In ihnen wogte das Lineup wie ein blinkendes Netz verzettelt auf und ab und sah nervös und wuselig aus, aber vor allem eines: Unheimlich männlich.

Eilig stemmten sich mehr und mehr Gründe, nicht ins Wasser zu gehen, gegen meine Lust aufs Surfen: Was, wenn ich jemandem aus Versehen den Vortritt nehme? Was, wenn ich gar keine Welle kriege? Die Wellen sehen schon sehr gross aus; ich konnte überhaupt erst zwei Mal auf diesem Brett aufstehen, was, wenn mir jemand «reindroppt», was, wenn ich verspült werde, Ich Poser, ich kann eh viel zu wenig, all die Leute nerven sich sicher schon, wenn sie mich rauspaddeln sehen; ich kann ja auch noch abwarten, ja, besser warte ich noch ab, Ich bin erstarrt. Noch vor zehn Minuten hatte ich mich so gefreut.

Nun, mit den Füssen im goldenen Sand, rümpfte ich meine Nase und drehte ich mich etwas zerknirscht zu meiner Freundin um. Ziemlich viele Leute hier, fand ich – sie nickte –, und unruhige Wellen, – sie nickte. Siehst du noch eine FLINTA-Person, fragte ich, in der Hoffnung, jemanden übersehen zu haben. Sie schüttelte den Kopf.
Meine Nase rümpfte ich unterdessen vor allem, weil ich gerade feststellte, dass ja eine FLINTA-Person im Wasser wäre, wäre ich nicht so lange am Zögern und schon los. So war ich also da und stand mir im Weg. Und in meinem Nacken, in meiner Brust, in meinem Beinen schäumte ein Gefühl, das vorhin noch nicht da war: Die Unsicherheit. Eingeschüchtert verschränkte ich meine Arme und verfluchte mich, verfluchte dieses Hobby, das mich so befangen machte, verfluchte die Bedingungen, die mich fernhielten.

So oft hatte ich mich schon einschüchtern lassen: Im Lineup zwischen stillen und grimmigen Surfern, die weder nicken noch grüssen; am Rand eines Skateareals; ganz oben an einem Snowpark. So oft hatte ich kehrt gemacht, bevor ich etwas hätte probieren können, oder abgebrochen, weil ich niemandem im Weg sein wollte. Und ich schätze, dass es den meisten so geht: Dieses Gefühl befällt all jene, die sich an einem Spot nicht repräsentiert sehen. Jene, die niemanden sehen, die*er aussieht wie sie, so grüsst wie sie, aufmerksam schaut wie sie, sich bewegt wie sie. Jene, die niemanden sehen, die*er Platz macht für sie.
Mut kommt wohl selten ganz von allein, er wächst für die meisten von uns aus einem Ort des Vertrauens. Wir wagen uns, wenn wir uns wohl fühlen. Dazu braucht es, dass wir uns in unserem Umfeld wiedererkennen. Wird das an einem Spot nicht durch die wohlwollende Geste einer fremden Person ermöglicht, hilft es, Vertraute mitzubringen: Freund*innen, deine Crew, ein*e Gefährt*in.

Eine Bucht, eine Piste, ein Skatespot verwandelt sich, wenn ich gemeinsam mit einer Vertrauensperson darauf blicke. Gemeinsam versetzen wir uns in einen Ort und erkennen uns dann darin wieder. Kommt die Unsicherheit trotzdem, erinnern wir einander, dass es den meisten so geht. Und dass wir nicht da sind, um uns zu messen. Wenn es nichts zu gewinnen gibt, gibt es auch nichts zu verlieren. Wir sind hier; draussen, der Jahreszeit ausgesetzt, um unsere Körper in Bewegung zu spüren. Vor meinem inneren Auge setze ich zum Turn an, gleitend, das Wetter an meiner Haut.

Am «Sables d’Or» guckte meine Freundin über ihre Schulter auf meinen hibbeligen Körper, dessen Füsse mittlerweile fest im Sand versenkt waren. Gehst du trotzdem?, fragte sie. Ich nickte.

Ablösung, 2021


Ich gebäre mich gerade selber wieder in einem dunklen, stillen Raum mitten im Wanst dieser unausstehlichen Stadt;

hier gärt ein neues Ich heran das ich erahne aber noch nicht sehe, ich spüre langsam seine Umrisse während es sich seinen Weg durch Erinnerungen an das Alte erstreitet

Aus den Notizen


unfertig, 2023


Ich wurde geboren von meiner Mutter, an einem Montag fünfeinhalb Monate nachdem die Welt hätte untergehen sollen. Die Welt hatte wieder Atem geholt, als doch nur einige Computer mit Zeit-Zählsystemen über 1999 ausgestattet werden mussten und eine plötzlich nicht mehr so laute Minderheit zögerlich aus ihren Luftschutzkellern kroch. Über mein Geburtsjahr würde später in den Annalen der MeteoSchweiz geschrieben: «Das Jahr 2000 war viel zu warm, insgesamt sei der Mai rund 3 Grad Celsius zu warm gewesen, die Obstbäume und Margeriten blühten je mit einem Vorsprung von zwei bis drei Wochen.»

Meine Mutter presste mich kurz vor elf Uhr nachts in die Welt, in einen Saal des Zürcher Unispitals, und die viel zu laue Frühlingsluft war getränkt vor Erschöpfung. Ich wurde mit einer Glocke aus ihr gezerrt – wie ein grosser Saugnapf, wurde mir später erzählt, der, wie in der Erzählung immer angehängt wurde, nicht richtig hielt wegen meiner vielen Haare. Die Glocke verformte meinen Kopf wie ein Ei und meine Eltern kriegten Panik, als sie auf mich schauten, und die zuständige Person im Raum musste ihnen versichern, dass mein Schädel noch weich genug sei, und dass er sich innert Kürze wieder zurückforme.
Ich wurde geboren von meiner Mutter hinein in die Wiege zweier (sich) liebender Eltern, in die Hände meines Vaters, der gleich seinen Job kündigen würde und an die Brust meiner Mutter, für die ich das erste Baby überhaupt war, das sie hielt.

Die Welt war verheissungsvoll und etwas zu gross und der fehlende Schlaf klebte meinen Eltern an den Gliedern wie Öl. Ich hatte Koliken und schreite viel. Meine Mutter war damals fünf Jahre älter als ich es jetzt bin. Meine Grosseltern begannen mich, ihr erstes Grosskind, freitags mit auf die Arbeit zu nehmen. Ich machte Mittagsschlafe auf dem Bettsofa in der Kanzlei meiner Grossmutter und auf dem Bauch meines Grossvaters. (Das war mit meinen Grosseltern väterlicherseits – die Eltern meiner Mutter durften nicht in meine Nähe. Bei ihren Eltern machte ich keine Mittagsschlafe.) Bei meinen Grosseltern aber spielte ich Memory (bis mein erster Bruder besser wurde als ich), sang Lieder und konnte ich mich länger vom Haarebürsten drücken. Ich wurde mitgenommen in den Zoo und später auf das Segelboot.
Ich wurde geboren von meiner Mutter, ein kleines, schweres Kind; behütet von genug Seiten. Die Luft zwischen meinen Eltern war schwer vor Erwartung und Vorhaben und Zukunft. Man blickte mir mit weiten Augen ins Gesicht. Es wurde Berndeutsch und Zürideutsch und Finnisch mit mir gesprochen und wenn etwas nicht für mich bestimmt war, wurde es auf Englisch gesagt, also verstand ich bald auch das.

Es ist Sonntag und ich sitze zum Abendessen meinem Vater gegenüber. Reife kommt von Erschöpfung, schliesse ich aus unserem Gespräch. Ich beuge mich über den Esstisch, der so alt ist wie mein kleinerer Bruder. Wir Kinder wurden gross in den Armen dreier Generationen Eltern; alle entschlossen, sich selbst und ihren Kindern besser zu sein. Reife ist Kapitulation, lege ich nach und schaue dabei auf meinen Vater. Ich lache, er nicht.

Ich wurde geboren von meiner Mutter im halb angebrochenen Mai des Jahres 2000